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Vorausschau.

Die Entwicklung einer Gemeindevision ist eine zutiefst demütigende Angelegenheit, finde ich. Im zweiten Visionstreffen habe ich mir 15 mal innerlich und 8 mal öffentlich selbst widersprochen, mich des Öfteren komplett ad absurdum geführt und damit nicht nur mich, sondern auch meine Visionsentwicklungspartner total verunsichert. Das Beste war aber, dass die anderen dasselbe auch mit mir gemacht haben. Am Ende des Treffens haben unsere Köpfe geraucht – auch weil zwischendurch mal die Friedenspfeife rumgereicht werden musste.

Eine Visionsfindung ist halt nicht nur eine intellektuelle Auseinandersetzung, sondern eine zutiefst emotionale Angelebenheit. Sie soll ja mal kein Satz auf dem Papier sein, sondern gelebte, verwirklichte Realität. Und da gibt es einfach so vieles zu bedenken. Zum einem der reiche Schatz von all dem, was die Muttergemeinde über Jahre an Werten und Überzeugungen gesammelt hat. Und dann, zum anderen ein neuer, frischer Blick, also genau das, was der Gründung in Zukunft Eigenständigkeit und Individualität ermöglichen soll. Eine Tochter, ja. Aber keine Kopie. Aber auch keine irgendwie zusammengebastelte Mischung ohne wiedererkennbaren Charakter.

Es darf also nicht so sein wie in der Politik, in welcher der gemeinsame Nenner oft ein so großer praktischer Kompromiss ist, so dass eine eigene Identität gar nicht mehr sichtbar ist. Natürlich ist das in Gemeinden sowieso schon ein wenig anders. Anders als in der Politik nämlich, gibt es in Gemeinde einfach ein paar unaufgebbare Elemente, die nicht zur Disposition stehen: Jesus als Zentrum, die Bibel als komplett zuverlässiges und aktuelles Wort Gottes, eine evangeliumszentrierte Ethik und der Glaube an einen gnädigen Gott, der noch einmal kommen wird, damit wir die Ewigkeit mit ihm teilen können.

Aber was soll um diese Dinge herum entstehen? Was darf in zweiter Reihe heranwachsen? Denn an dieser Stelle muss man sich dann nämlich auch wieder entscheiden, was in dieser zweiten Reihe Dinge erster oder eben zweiter Ordnung sind. Diese Entscheidung kann wiederum aber sehr subjektiv sein, was problematisch ist, weil man ja mit anderen Subjekten zusammenarbeitet und von deren eigenen Einordnungen konfrontiert wird.


Arbeitsboard bei der Visionfindung

In diesem Prozess – und er ist ja noch lange nicht abgeschlossen – ist uns schnell klar geworden, dass wir der Gründung eine Vision mit auf den Weg geben wollen, die sehr konkret und praktisch sein darf und sich eng an den Persönlichkeiten des Gründungsteams orientieren wird.

Was werden wir also in der Visionsfindung tun? Nun, ausgehend von einem riesigen Pool von Werten, von Gemeindekultur und gestalterischen Möglichkeiten werden wir uns primär erst mal nur um all jene Gaben, Werte, Ziele vereinen, die vom Leitungsteam der Gründung abgedeckt werden können und an ihre Leidenschaft für Gemeindeentwicklung andockt.

"Negativ gesagt: Die Personen im Leitungsteam können nichts geben, was sie nicht haben. Positiv ausgedrückt: Das, was Gott an Gaben und Leidenschaft in unser Gründungsteam - deren Teilnehmer ja noch gar nicht alle feststehen - hineingelegt hat, darf in der Gemeindegründung rund um die unaufgebbaren Elemente groß werden."
Markus Zobec
Pastor

Unsere zwei Gründungsehepaare sind glücklicherweise sehr komplementär und ergänzen sich ganz hervorragend in ihren Prägungen und Werten. Für Heiner ist die soziale und selbstlose Komponente des Evangeliums etwas, das ihn intrinsisch motiviert. Sicherheit aufzugeben fällt ihm extrem leicht, anders als Ellen (siehe auch ihr sehr ehrlicher Artikel hier). Dafür hat Ellen ein Herz für die Begleitung von einzelnen Menschen, kann nahe an ihrem persönlichen Schicksal „wohnen“ ohne sich komplett vereinnahmen zu lassen. Gerade diese Qualität wird in einer sehr beziehungsbetonten Anfangsphase der Gründung ein echtes Pfund sein. Janno freut sich auf die Auswirkungen der Gründung in den zukünftigen Stadtteil hinein und den Einfluss, den das Evangelium durch seinen Dienst und sie dadurch entstehenden sozialen Kontakte bewirken wird, während Elli ihre Stärken in ihrer Gastfreundlichkeit zu Hause am besten ausspielen kann.
Aber die vier ergänzen sich nicht nur erstaunlich gut, nein, sie teilen z.B. auch völlig übereinstimmend ihre Wertschätzung der Gastfreundschaft bezüglich ihrer eigenen Wohnräume, aber auch in Bezug auf die Gemeindekultur insgesamt.

So gehen wir fest davon aus, dass unsere Gründer dem individuellen und gemeinschaftlichen Anspruch der Gemeindegründung gerecht werden können. Und wenn erst mal das gesamte Team steht und der Ort fix ist, wird sich natürlich auch die Beziehungs- und Umgebungskompatibilität der Vision noch einmal erweisen oder sogar beweisen müssen. Dann wird es sicher wieder neue Revisionen, Umstellungen und vielleicht sogar die ein oder andere Richtungsänderungen geben.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber wir sind unterwegs, wie Karl das ja schon in seinem letzten Blog geschrieben hat. Und es ist spannend. Herausfordernd.

Deshalb freuen wir uns sehr über jedes Gebet, das für uns in Gottes Richtung gesprochen wird. Mit eurem Gebet habt ihr direkten Anteil an dem, was Gott in der Gründungsvorbereitung tut.

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